Sonntag, Juni 01, 2008




Die Klippe


Der Tag neigte sich seinem Ende, als sie einsam den schmalen Weg hinauf zu den Klippen stiegt.
Tränen rannen leis an Ihren Wangen hinab.
In einer Hand trug sie einen hölzernen Käfig, in dem ein junger Falke saß.
Vor ca. einem Jahr hatte sie ihn im Wald gefunden. Er war damals aus seinem Nest gefallen und sie hatte ihn aufgenommen. Klein und kurz vor dem verhungern, saß er damals am Wegesrand. Sie nahm ihn mit nach hause und zog ihn groß. Nun war er ein starker, kräftiger Bursche und bereit in die Freiheit entlassen zu werden.

Als sie oben auf der Klippe angekommen war, blieb sie eine Weile stehen und betrachtete den Feuerball, der langsam begann im Meer zu versinken.

Sie öffnete den Käfig und sprach zu ihrem Falken: "Flieg, meiner kleiner Freund. Fliege der Sonne entgegen und genieße fortan Deine endlose Freiheit. Eine Freiheit, die mir nie vergönnt war." Der Falke blickte etwas ungläubig, hüpfte dann aber aus seinem Verlies, breitete seine Schwingen aus und flog mit einem freudigen Schrei gen Himmel.

Ihr Kleid wärmte sie schon lange nicht mehr. Noch enger schlung sie ihren Umhang um den Körper. So verharrte sie eine Weile und blickte dem Falken solange nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Der Wind sang ein trauriges Lied. In der Ferne läuteten Kirchenglocken. Die Brandung schlug unten sanft gegen die Klippen. Die Möwen kreischten. Kreischten ein Lied, welches von der Ewigkeit erzählte.

Ihr war kalt. Seit so langer Zeit war ihr schon so unendlich kalt. Keine Decke, kein Feuer und auch nicht die Sonne konnten sie noch wärmen. In ihrem Herzen waren ihre vielen Tränen zu Eis erfroren. Der tiefe Schmerz in ihr, fraß ihre Seele auf. Sie wollte nicht mehr frieren.

Sie ging noch näher an den Abgrund heran. Die Tränen rannen noch immer und doch würden sie bald versiegen. Der Wind fuhr ihr durch das lange Haar.

Sie blickte hinauf zu den Möwen und sprach laut mit zitternder Stimme: "Meine Freunde der Lüfte, wie gerne würde ich fliegen wie ihr. Bitte erfüllt mir heute einen einzigen Wunsch. Tragt mich auf Euren Schwingen in eine andere Welt. In eine Welt in der ich wieder Wärme spüre." Die Möwen schrien. Sie breitete Ihre Arme aus und lächelte sanft. Dann flog sie los.

Flog einen kleinen Augenblick dem roten Feuerball entgegen, der gerade im Meer versank. Zum ersten Mal seit so vielen Jahren spürte sie wieder Wärme in ihrem Herzen. Dann zerschellte ihr Körper auf dem Boden.

Der Falke kehrte zurück und kreiste noch lange über ihrem toten Körper. Er sang ein Lied von tiefster Trauer.

Die Nacht legte sich über die Welt und ein neuer Stern funkelte am Horizont.


(c) Alexandra B.,
geschrieben am 30. Juni 2002

Keine Kommentare: